KI in Industrie & Fertigung: Wann die Maschinen-VO greift
In der Industrie ist die entscheidende Frage die Sicherheitsrelevanz: KI als Sicherheitskomponente einer Maschine fällt über Annex I unter die Maschinen-VO (Hochrisiko, Frist 2. August 2028). Reine Predictive Maintenance, Qualitätskontrolle und Prozessoptimierung ohne sicherheitskritischen Eingriff sind meist minimal. Der Digital Omnibus nimmt die Maschinen-VO aus der direkten AI-Act-Anwendung; Anforderungen kommen über delegierte Rechtsakte der Maschinen-VO.
Industrie: Sicherheitsrelevanz entscheidet
In der industriellen Fertigung ist KI allgegenwärtig — aber die meisten Anwendungen sind nicht hochriskant. Die entscheidende Trennlinie verläuft an einer Frage: Greift die KI sicherheitskritisch in eine Maschine ein, oder unterstützt sie nur Analyse und Optimierung?
Hochrisiko: KI als Sicherheitskomponente (Annex I)
KI, die als Sicherheitskomponente einer Maschine fungiert — etwa ein Kollisionsschutz, der eine Roboterzelle bei Personenerkennung stoppt, oder eine autonome Maschinensteuerung — fällt über Annex I unter die Maschinen-Verordnung (EU) 2023/1230. Solche Systeme sind hochriskant und durchlaufen die Konformitätsbewertung im Maschinenrecht. Die Frist für Annex-I-Produkte ist nach dem Digital Omnibus der 2. August 2028.
Der Omnibus-Carve-out für die Maschinen-VO
Eine wichtige Besonderheit: Der Digital Omnibus nimmt die Maschinen-VO aus der direkten Anwendbarkeit des AI Act heraus. Die KI-spezifischen Gesundheits- und Sicherheitsanforderungen werden stattdessen über delegierte Rechtsakte unter der Maschinen-VO selbst geregelt. Praktisch heißt das: Maschinenhersteller haben ein Konformitätsregime (das der Maschinen-VO), in das die KI-Anforderungen integriert werden — statt zweier paralleler Spuren. Das reduziert Doppelarbeit, ändert aber nichts an der Substanz der Sicherheitsanforderungen.
Minimales Risiko: der Großteil der Industrie-KI
Die meisten industriellen KI-Anwendungen sind minimal:
- Predictive Maintenance — Wartungsprognosen, solange die KI nicht sicherheitskritisch eingreift.
- Visuelle Qualitätskontrolle — Ausschusserkennung per Bildverarbeitung.
- Prozess- und Energieoptimierung — ohne Personenbezug und ohne Sicherheitsfunktion.
- Supply-Chain- und Bestandsoptimierung.
Diese verarbeiten meist keine personenbezogenen Daten und greifen nicht sicherheitsrelevant ein — es bleibt die KI-Kompetenz-Pflicht (Art. 4).
Die Grenzfälle
Wo eine vermeintlich harmlose KI sicherheitsrelevant wird, kippt die Einordnung: Eine Predictive-Maintenance-KI, die eine Anlage bei kritischem Zustand selbsttätig abschaltet, wird zur Sicherheitskomponente. Eine Qualitätskontrolle, die ein sicherheitsrelevantes Bauteil (z. B. für ein Medizinprodukt) prüft, kann über das Endprodukt in einen anderen Annex-I-Pfad führen.
Workforce-Aspekt nicht übersehen
Ein häufig übersehener Punkt: Sobald Industrie-KI die Leistung von Beschäftigten überwacht oder bewertet (z. B. Produktivitäts-Scoring an der Linie), fällt sie unter Annex III Nr. 4 (Beschäftigung) — unabhängig von der Maschinensicherheit. Und Emotionserkennung am Arbeitsplatz ist verboten (Art. 5(1)(f)).
Fazit
Für die Industrie gilt: Die meiste KI ist minimal, die sicherheitskritische Maschinensteuerung ist Annex I (mit Omnibus-Carve-out über die Maschinen-VO). Die zwei Fallen sind die selbsttätige Sicherheitsabschaltung und die Leistungsüberwachung von Beschäftigten. Wer diese drei Linien — Sicherheitskomponente, Endprodukt, Workforce — sauber trennt, ordnet seine Industrie-KI korrekt ein.
Häufig gestellte Fragen
Ist Predictive Maintenance hochriskant?+
In der Regel nein — reine Wartungsprognose ist minimales Risiko. Greift die KI jedoch sicherheitskritisch ein, etwa indem sie eine Anlage bei kritischem Zustand selbsttätig abschaltet, wird sie zur Sicherheitskomponente und fällt unter Annex I.
Wie wirkt sich der Omnibus auf die Maschinen-VO aus?+
Der Digital Omnibus nimmt die Maschinen-Verordnung aus der direkten AI-Act-Anwendung heraus. Die KI-Sicherheitsanforderungen werden über delegierte Rechtsakte der Maschinen-VO selbst geregelt — ein integriertes Konformitätsregime statt zweier paralleler Spuren. Die Frist ist 2. August 2028.
Ist Qualitätskontrolle per KI reguliert?+
Visuelle KI-Qualitätskontrolle ist meist minimales Risiko, da sie keine personenbezogenen Daten verarbeitet und nicht sicherheitskritisch eingreift. Prüft sie jedoch ein sicherheitsrelevantes Bauteil, kann das Endprodukt einen Annex-I-Pfad auslösen.
Was gilt, wenn KI die Mitarbeiterleistung misst?+
Dann greift Annex III Nr. 4 (Beschäftigung) — unabhängig von der Maschinensicherheit. Leistungsüberwachung von Beschäftigten ist hochriskant; Emotionserkennung am Arbeitsplatz ist nach Art. 5(1)(f) sogar verboten.
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Kostenloser EU AI Act Check →Dieser Artikel basiert auf der Verordnung (EU) 2024/1689 (EUR-Lex Originaltext) und EU-AI-Office-Guidelines. Wird monatlich aktualisiert. Hinweis: Technische Orientierung — kein Ersatz für Rechtsberatung.
Zuletzt aktualisiert: Juni 2026